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Industriell vorgefertigte Kutschenteile aus gedämpftem Holz

25.04.2017 von admin

 

In einem 1826 erschienen Artikel wird schon über das industrielle Vorfertigen von gebogenen Holzteilen für Kutschen berichtet. Das  interessante an diesem Artikel ist, er führt auch den Beweis, dass der Tilbury zu diesem Zeitpunkt schon ein gebräuchliches Wagenmodell war und diese Methoden zum Biegen in England und Frankreich gleichzeitig gebräuchlich waren. In Deutschland griff in den 1830 Jahren Michael Thonet aus Boppard dieses System auf und machte eine weltweit bekannte Möbelproduktion daraus.

Der hier wiedergegebene  Originaltext  enthält  leider einige uns heute nicht mehr bekannte Ausdrücke und eine andere Rechtschreibung,wir bitten dies zu entschuldigen 

Bisher wurde alles Holz, welches eine krumme Form erhalten sollte, bei Zimmerleuten wie bei Wagnern, bei Schreinern wie bei Kunst-Tischlern, mittelst schneidender Werkzeuge aus einem ganzen Stücke in der verlangten gekrümmten Form herausgearbeitet. Notwendig musste dadurch der sogenannte Faden des Holzes leiden, so dass, je feiner man dasselbe ausarbeiten wollte, desto mehr die Stärke des Holzes dabei litt, und so die Zierlichkeit der Festigkeit und Dauer geopfert werden musste; was stark ist, ist plump, sagten die Meister,   zum Troste der Käufer.

Ein englischer Holzarbeiter geriet auf die Idee, das Holz erst weich zu machen, und dann in eigens dazu verfertigten Modeln nach der verlangten gekrümmten Form zu pressen. Er arbeitet in dieser Hinsicht das Holz in der zur gewünschten Krümmung nötigen Form und Länge nach der Richtung der Fasern, oder nach dem sogenannten Faden, aus, und lässt ihm nur so viel Dike, als durchaus notwendig ist. Hierauf weicht er es eine gehörige Zeit über in heißem Wasser oder in Dampf von siedendem Wasser, bis es so weich geworden ist, dass es ohne Gefahr zu brechen gebogen werden kann. Dann biegt er dasselbe in einem dazu eigens verfertigten Model, und lässt es im Schatten in diesem Model trocken werden. Das Holz behält so vollkommen seine Form, und verliert sie nur dann wieder, wenn man dasselbe, wie vorher, erweicht Solches Holz nennt er gerade fädiges Holz (bois à fildroit).

Die Wagenmacher in England bedienen sich ausschließlich nur solchen Holzes, das auf diese Weise zubereitet wurde, und können nur mit diesem den Wagen jene eleganten Formen geben, die sie eben so sehr, als ihre Festigkeit und Dauerhaftigkeit, auszeichnen. Solche Wägen rumpeln und lärmen nicht so, wie jene aus ausgehaktem und zusammengefügtem Holze, welches schon dieser Zusammenfügungen wegen viel massiver gelassen werden muss. Solche Wagen fahren sich viel leichter und schneller, und schonen zugleich die Pferde. Vorzüglich verdienten die Räder aus einer oder aus höchstens zwei Felgen aus Eschenholz die Aufmerksamkeit aller Kenner und aller Reisenden.

Die Erfahrung hat bereits allgemein für das gerade fädige Holz gegen das Behauene entschieden, welches, durch das Feuer gebogen, nur noch brüchiger wird, und alle Kraft und Elastizität verliert. Nur mit gerade fädigem Holze kann der Wagner seine eleganten Gestelle und Räder, der Schreiner die schön gewölbten Vorsprünge, der Zimmermann die eleganten Schneckentreppen, der Kunst-Tischler die höchst leichten und doch festen Möbeln verfertigen.

 

Folgende Zeichnungen auf Tab. II. werden eine Idee geben, wie weit man es in dieser Bereitungs-Art des Holzes in Frankreich und England bereits gebracht hat.

Fig. 19. und 20. sind zwei Gabeldeichseln aus gerade fädigem Eschenholze auf obige Weise gebogen, wodurch alle Stärke und Elastizität des Holzes erhalten wird.4)

Fig. 21. zeigt eine solche Deichsel, die auf die gewöhnliche Weise zugehauen ist, und dann mittelst des Feuers gekrümmt wurde; man sieht an dem hier gezeichneten Faden des Holzes, wie sehr die Stärke und die Elastizität desselben durch dieses gewöhnliche Verfahren leiden muss.

Figg. 22–26. fünf Gabeldeichseln von verschiedener Form und in verschiedener Krümmung aus solchem elastischen Holze, die eben so leicht und zierlich, und doch, ohne alle eiserne Bänder, stärker sind, als jedes andere Holz mit denselben.

Fig. 27. Gestell eines sogenannten Tilbury oder Denet, welches hinten an dem gekrümmten Theile nach dem geraden Faden geschiftet ist, nach der Seite dargestellt.

Fig. 28. Dasselbe von vorne.

Fig. 29. Eine gewölbte Langwiede einer Kutsche aus Holz nach dem geraden Faden.

Fig. 30. Eine solche Langwiede nach der gewöhnlichen Art zugehauen.

Fig. 31. Ein gekrümmter Flügel eines Tilburys etc., mit dem Faden nach der gewöhnlichen Art behauen.

Fig. 32. Eine ähnliche Stütze aus Holz nach geradem Faden gebogen.

Fig. 33. Ein Lehrbogen eines Cabriolet-Türchens aus Holz nach dem geraden Faden gebogen.

Fig. 34. Ein Lenkscheit des Vordergestelles aus Holz nach dem geraden Faden gebogen.

Fig. 35. Dasselbe nach der gewöhnlichen Weise behauen.

Fig. 36. Ein Rad aus zwei Felgen, Fig. 37. aus Einer Felge; das Holz nach geradem Faden gebogen.

Fig. 38. Ein Rad auf gewöhnliche Weise zugeschanzt, wobei das Holz dicker sein und folglich das Rad schwerer werden muss.

 

 

 

Fig. 39. 40. 41. Drei Felgen von verschiedener Größe aus Einem Stücke nach dem geraden Faden des Holzes gebogen.

Fig. 42. Ein Hintergestell eines Tilbury auf die gewöhnliche Weise an den beiden Ecken verbunden.

Fig. 43. 44. und 45. Drei verschiedene Lehrbogen des Hintergestelles eines Tilbury aus Holz in geradem Faden gebogen.

Fig. 46. Der Deckel eines Tilbury-Kastens mit Geländer aus Holz in geradem Faden gebogen.

Fig. 47. Geländer-Docken eines Tilbury von verschiedener Krümmung, aus Holz in geradem Faden gebogen.

Fig. 48. Lehrbogen eines Kalesche-Kastens in Form eines Boquey.

Fig. 49. Vier Reifen eines Kutschen-Daches (Capote) aus einem Stücke Holz nach geradem Faden.

Fig. 50. Dieselben zu einem Dache zum Zurücklegen (Capote ployée) mit Beschlägen nach neuer Art.

Fig. 51. Zwei solche Reifen nach der gewöhnlichen Art zum Beschlagen geschiftet.

Fig. 52. Zwei eben solche, an den Krümmungen beschlagen, wodurch sie schwerer und härter zum Zurücklegen werden.

Fig. 53. Bock für den Kutscher, aus Holz nach geradem Faden gebogen.

Fig. 54. Querholz, welches die Kutschbäume zusammenhält, aus Holz nach geradem Faden gebogen.

Fig. 55. Dasselbe aus Holz, nach der gewöhnlichen Weise behauen.

Fig. 56. Eine Scheibe aus vier Stücken, auf die gewöhnliche Weise ausgehauen.

Fig. 57. Scheibe am Vordergestelle, aus Holz nach geradem Faden gebogen.

Fig. 58. Halbe Radfelge für Wagen mit Langwiede, aus Holz nach geradem Faden gebogen.

Fig. 59. Ovaler Kreis aus einem Stücke und im geraden Faden.

Fig. 60. Stiege, deren Ruhe und Geländer aus Holz nach geradem Faden gebogen ist.

Fig. 61. Nach dem geraden Faden gebogene Hölzer für Balkone, Gänge, Kirchen etc.

Fig. 62. 63. Zwei Vorstecke vor Kramläden, jedes aus Einem Stücke, aus nach dem geraden Faden gebogenem Holze.

Fig. 64. Ein  gotisches Fenster auf die gewöhnliche Weise zugeschnitten.

Fig. 65. Detto aus Holz nach dem geraden Faden gebogen.

Fig. 66. Die inneren Rahmen desselben nach der alten und nach der neuen Weise.

 

Text: H.B.Paggen

Quellen; Annales de l'Industrie. N. 74. S. 147.3 1826 , Baslez Paris ,Sammlung Verfasser

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