ETTORE BUGATTIS REISE-COACH

02.05.2019 von admin

Das romantische Projekt eines genialen Exzentrikers

von Andres Furger mit Unterstützung von Lieven de Zitter

 

 

 

 

 

 

Herbst 1934, Ettore Bugatti ist soeben 53 Jahre alt geworden. Seine grössten beruflichen Erfolge liegen schon hinter ihm: Er hat als gebürtiger Italiener (1881-1947) die schnellsten Autos der Welt im Elsass bei Strassburg gebaut und dort sogar kürzlich für die französischen Staatsbahnen einen spektakulär neuen Zug auf die Gleise gestellt. Seit 15 Jahren lebt und arbeitet Ettore Bugatti mit seiner auch aus Mailand stammenden Frau in Molsheim. Sie haben drei erwachsene Kinder und einen Sohn, der noch zur Schule geht. Aber der Vater, den seine Kinder – wie alle anderen auch – „Patron“ nennen, ist im Umbruch. Sein Lebensmittelpunkt verschiebt sich nach Paris. Dort ist er teilweise aufgewachsen, hat im Ersten Weltkrieg in dieser Stadt Jahre und vor kurzer Zeit wieder einige Monate verbracht. Bugatti ist immer noch ein Multitalent mit vielen Facetten: Genialer Konstrukteur,Genussmensch, Jäger, passionierter Reiter und Fahrer sowie Pferdezüchter. Der 1. 75 grosse, oft etwas exaltiert gekleidete Mann reitet immer noch häufig aus, wenn auch sein Bauchumfang im Laufe der Jahre zugenommen hat. Zu seinem Lieblingsdress gehören auch im Alltag sportliche Reitjacken und eine Art Breeches, also Reithosen. Dazu trägt er gerne Melone, wie sonst nur noch die Pferdebesitzer auf der Rennbahn. So lässt er sich gerne ablichten. Das Glück ist Ettore Bugatti hold: Sein älterer Sohn Jean ist schon mit gut 20 Jahren in Molsheim höchst erfolgreich in seine Fussstapfen getreten, er feiert jetzt selbst mit attraktiven Automobilen Erfolge. Allerdings ist der Vater nicht ganz zufrieden, dass sein junger Senkrechtstarter jetzt auch Autos in grösserer Serie und nicht nur für einen kleinen exklusiven Kreis baut. Immerhin. Dessen Erfolge geben dem Vater, der sich oft beklagt, zu wenig Zeit für sich zu haben, Luft für seine eigenen weiteren Pläne, beruflich und privat.

 

Planung einer Kutschfahrt über die Alpen

 

Ettore Bugatti beherrscht das Vierspännigfahren bestens und hat auch die richtigen Pferde dazu im Stall. Seit einigen Jahren hat er sich in den Kopf gesetzt, mit seinem Gespann längere Reisen mit einem dafür geeigneten Wagen zu unternehmen. Dafür hat er bereits einen riesigen Roof-seat Beak mit speziellen Fächern für die Haferrationen der Pferde skizziert, besitzt auch eine französische Road-Coach und verschiedene Breaks.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wohin die Reise mit der besonderen Equipage gehen soll, hat der Meister dem jüngeren Hugh G. Conway (1914-1989) anvertraut: Er will mit seinen Pferden – wie einst – von Strassburg nach Mailand fahren, in seine Heimatstadt, wo er im zarten Alter von vier Jahren Reiten gelernt hat. Er kennt die 475km lange Strecke von seinen häufigen Reisen: Colmar, Basel, Luzern, über den Gotthardpass, Como und dann Mailand. Und er weiss: Genau diese Strecke befuhr die Schweizer Reisepost mit ihren schweren Bergpostwagen über den Pass aus gutem Grund fünfspännig.
Deshalb hat er vor wenigen Jahren ein Fünferzuggeschirr in Auftrag gegeben und zwar in der eigenen Sattlerei in Molsheim, wo sonst Autos garniert werden. Er wäre nicht der „Patron“, wenn er diese nach üblicher Art hätte fertigen lassen. So zieht er Naturleder schwarz gefärbtem Leder vor und hat sich für die Kumte etwas Spezielles ausgedacht. Sie werden mit sämisch gegerbtem hellem Leder überzogen, wie einst die Uniformtaschen der Militärs, die mit Kreidepulver wieder schön hell gemacht werden können. Der Clou sind aber die Beschläge. Bugatti ist ein Sauberkeitsfanatiker: Vor dem Anfassen von Metall streift er gerne weisse Handschuhe über. Deshalb hasst er es auch, wenn Naturleder auf Metall scheuert und sich dieses im Laufe der Zeit an den Kontaktstellen braun verfärbt. Auch beim Putzen von Messing oder Silber ist es kaum zu vermeiden, dass das angrenzende Leder dunkler wird. Also reduziert er, wo möglich, die Metallteile am Pferdegeschirr, so dass die schöne honiggelbe Farbe des Leders erhalten bleibt. Er lässt an seinen Geschirren absichtlich die Beschläge an den Stirnbändern ebenso wie die Rosetten an den Kopfgestellen weg. Auch auf die Schnallen seitlich an den Kammdeckeln wird verzichtet, die Zugstränge werden, wie beim Tandem-Vorgeschirr, von Lederschlaufen in der Höhe gehalten. Der Clou aber ist seine Lösung für die Stellen, wo das Scheuern von Leder auf Metall nicht zu vermeiden ist, nämlich dort, wo die Zügel durch die Leinenringe gleiten. Dafür entwirft er einzigartige Abhilfen. In die Leinenringe kommen genau angepasste, gedrechselte Elfenbeinringe, die durch eine von unten eingedrehte, unsichtbare Schraube in Position gehalten werden! So kommt das Leder nicht mit Metall in Kontakt. Schliesslich werden als einzige Zier, wie auf seinen Motoren, die kleinen Initialen „EB“ den Kammdeckeln und Kopfgestelle aufgesetzt. So nennt er sich übrigens selbst, unterschreibt seine Briefe an die Kinder mit „EB“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Eine spezielle Coach für die grosse Fahrt

 

Das Modell der Coach hat sich seit zwei Jahrhunderten als Reisewagen bewährt. Das weiss Bugatti. Aber sie muss seinen Bedürfnissen genau angepasst sein: Platz für ihn als Fahrer,höchstens drei Begleiter und zwei Helfer. Dazu brauch es viel Stauraum für Gepäck, auch auf dem Dach, und vor allem wirkungsvolle Bremsen für die Gebirgsfahrt. Stilmässig muss der Wagen etwas Besonderes werden, das ist er dem Esprit des Hauses Bugatti geschuldet! Das hat er zuletzt vor zwei Jahren aus Paris seinem Sohn Jean schriftlich eingebläut: „Nie nach hinten schauen, immer nur vorwärts, nie anderen folgen ...“, also Neues wagen. („Ne jamais regarder derrière, toujours en avant, ne jamais suivre les autres ...“).

 

 

 

 

 

 

 

 


Das Neue drückt sich bei seiner Coach am Kasten aus. Er wählt nicht die Form der gewöhnlichen Berline, wie sonst bei all den Coachen nach englischem Vorbild, sondern bevorzugt die Form der „Berline coupée“, also der durchschnittenen Berline mit nur zwei stattvier Plätzen im Inneren. Das reicht ihm. Innen sitzt man sowieso nur, wenn das Wetterschlecht ist. Hinten gibt es Platz für seine zwei treuen Grooms, die auf Bugattis Exkursionenmit mehreren Pferden stets mitfahren. Der links Sitzende soll, wie bei der Road Coach üblich,etwa höher sitzen, damit er einen besseren Überblick hat und rechtzeitig ins Horn blasen kann,um die Strasse in engen unübersichtlichen Kehren freizuhalten.Beim Entwurf des neuen Wagens bleibt Bugatti seiner Neigung treu. Wie bei einigen seiner Autokarosserien knüpft er an die Ästhetik der Zeit um 1800 an, als die Wagenbauer besonders konsequent durchgestaltete Wagen entwarfen. Gute Beispiele stehen im 1927 neu eröffneten Museum in Compiegne. Bugatti nennt sie „forme fiacre, nach den letzten pferdegezogenen Mietkutschen auf den Strassen Paris’.Die Postwagen des 19. Jahrhunderts bestanden auch aus einem Coupé-Abteil vor der Berline.So war auch der einzig erhaltene Gotthard-Kurswagen der Schweiz gebaut. Bugattis Coupé-Coach gleicht dem vorderen Teil dieses Kurswagens, vor allem aber Reisewagen der Zeit um 1800, wie sie seit langem in Compiegne ausgestellt sind..
 

 

 

 

 

 

 

 

 

1935 gibt Bugatti den Startschuss zum Bau des Kastens in den Werkstätten von Molsheim,wo unter Leitung seines Sohnes Karosserien nach traditioneller Bauart über einem Gerippeaus Eschenholz entstehen. Für die speziellen Beschläge fertigt Ettore Bugatti verschiedeneZeichnungen an, besonders für die Nabenkonstruktion der Räder. Dazu lässt er auf grossenDrehbänken im mechanischen Atelier von Molsheim die Flanschen drehen. Für dieAnfertigung der Räder und des Gestells mit den Plattformfedern fehlen in Molsheim dieentsprechenden Spezialisten. Diese Teile gibt er bei seinem bevorzugten Pariser Carrossier inAuftrag, bei Million-Guiet. Dort, im Quartier Levallois-Perret, wo Bugatti oft auch selbst amZeichnungstisch steht, gibt es noch die alten Handwerker, die vor 20/30 Jahren die besten Coaches Frankreichs gebaut haben.

 

 

 

 

 

Zuletzt steht der fertig gebaute Wagen da. Etwas gedrungen wirkt er schon, aber das hängtmit dem tiefen Schwerpunkt des Wagens zusammen. Die für das Befahren des Gotthardpassesgebauten Bergpostwagen der Schweizer Post waren auch tief gehängt. In den engen Kehrender Tremola auf der Südseite des Gotthardpasses kann allzu leicht ein zu hoch gebautesGefährt ins Kippen kommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Für die Bergabfahrt dient eine Fussbremse, wie sie sie früher noch nicht hatten. Deshalb hat Bugatti das Fusspedal dem Stemmbrett seines Wagens diskret aufgesetzt und den Kabelzug säuberlich durch den Kasten geführt. Er verbindet das Pedal mit zwei grossen Trommelbremsen an den Hinterrädern. Sie stammen aus dem Lager von Molsheim für denTyp 44.

 

 

 

 

 

 

Fast ist sie jetzt fertig, die Reise-Coach. Die von Million-Guiet besorgten Laternen sind auchdran, nur die Polsterung fehlt noch, die soll demnächst in Molsheim angefertigt werden,sobald die neue Serie von Neuwagen seines Sohnes fertig ist, der Typ 57. Das Geschäft undein gutes Einvernehmen im Betrieb gehen vor. Grosse Enttäuschung im Jahre 1936 und definitiver Umzug von Molsheim im Elsass nach Paris und Umgebung
Der „Patron“ ist stolz auf sein gutes Verhältnis zu seinen Mitarbeitern in Molsheim. Deren Zahl ist auf über Tausend angewachsen. Bei Arbeitsbeginn strömen sie vom schmalen Eingang zwischen der Privatvilla und dem alten Mühlegebäude in Scharen zu ihren Arbeitsplatz in der dahinter liegenden „Usine Bugatti“. Dabei müssen sie täglich als erstes den privaten Bereich des Bugatti-Anwesens durchqueren, vorbei an den Stallungen mit seinen edlen Pferden und den Remisen mit seinen privaten Fahrzeugen, darunter mehrere Dutzend Kutschen. Die älteste Tochter L’Ebe (sie ist unehelich geboren, hat dafür aber als Vornamen die Initialen ihres Vaters verpasst bekommen) betont in ihren Memoiren, das hätten die Mitarbeiter gerne akzeptiert und den Patron bewundert.

 

 

 

 

 

 

Im Mai 1936 beginnt aber eine Streikwelle im Elsass, es geht um die 40 Stunden-Woche und bezahlte Ferien. Sie erreicht Mitte Juni Molsheim. Alles nützt nichts. Die tonangebende Gewerkschaft kann auch die Belegschaft von Molsheim zum Streik veranlassen. Der Patron der Fabrik ist tief enttäuscht, er fühlt sich verraten. Dieses Ereignis ist der letzte Anstoss, Molsheim definitiv Richtung Paris zu verlassen und die Leitung der Fabrik ganz dem Sohn zu überlassen. Damit lässt Bugatti sein privates und berufliches Universum zurück, das er in vielen Jahren aufgebaut hat. Denn neben der Fabrik hat er dort als eine Art „gentleman farmer“ ein gediegenes privates Reich eingerichtet, auch eine Reithalle neu gebaut und in alten Fabrikgebäuden das schon genannte Kutschenmuseum für rund 50 Fahrzeuge und eine edle Sattel- und Geschirrkammer eingerichtet. Jetzt investiert Bugatti sein Geld, das vor allem aus grossen Aufträgen wie dem Eisenbahnprojekt stammt, in und bei Paris. So kauft er 1932 den Erben des Prinzen Radziwill das riesige Schloss Ermenonville ab, keine 50 km ausserhalb Paris gelegen, mitsamt den Nebenbauten. Den grossen Park verkauft er gleich weiter, er hat es auf die Gebäude abgesehen. Letztere hatte der verarmte polnisch-litauische Adlige nach einer vorteilhaften Ehe mit sehr viel Geld als Sommersitz instand gesetzt und das Stallgebäude für 40 Pferde erweitert. Dieser noble Sommersitz eines der ganz grossen Fahrenthusiasten von Paris entschädigt offenbar Bugatti für den Verlust seines selbst aufgebauten „Estate“ in Molsheim. Hier findet er alles fertig erstellt, was er dort mühsam selbst hatte aufbauen müssen. Und das Schloss mit seinen grossen Salons kann erst noch als noble Verkaufskulisse für Bugatti-Automobile und als Empfangsraum für Kunden dienen, wozu früher das Schloss St. Jean neben der Molsheimer Fabrik gedient hatte.

 

 

 

 

 

 

Nach Ermenonville lässt also Bugatti– neben wenigen seiner berühmten Autos – etwa ein Drittel seines Bestandes an Kutschen und Pferdegeschirren bringen. Dazu gehört die Coach, mit der er nach wie vor Grosses vorhat, auch wenn sie noch immer noch nicht ganz fertig ist.

 


Schicksalsschläge

 


Aber nach dem scheinbar befreienden Umzug meint es Fortuna nicht mehr so gut mit dem genialen Meister wie früher. Schlag folgt auf Schlag: 1939 Unfalltod des Sohnes Jean Bugatti,1940 Besetzung des Elsass durch deutsche Truppen, Wegzug der Familie nach Bordeaux und Verlegung der Bugatti-Produktion ebenfalls dorthin. Ende 1941 verkauft Bugatti die Molsheimer Fabrik unter einem gewissen Druck der Besetzer an den Deutschen Trippel für den Bau von militärischen Schwimmwagen. 1944 stirbt die Frau Bugattis, die stets für den mittlerweile 22 Jahre alten Sohn Roland gesorgt hat.
Trotz aller Schicksalsschläge hat Bugatti weiter grosse Pläne, aber jetzt ganz in Paris und Umgebung als Wirkungsstätte. Er investiert das von Trippel erhaltene Geld in verschiedene Liegenschaften in dieser Stadt für neue berufliche Pläne, übernimmt 1942 unter anderem die Mehrheitsbeteiligung an der grossen Automobilfabrik „La Licorne“. Privat ist er in Paris mit einer deutlich jüngeren, bildhübschen Frau eine Beziehung eingegangen. Sie gebärt 1942 ein Kind, erwartet 1945 ein zweites, schliesslich heiratet er Geneviève Marguerite Delcuze im Jahre 1946. Sie sollen zeitweise im Schloss gelebt haben. Genaueres weiss man nicht, noch immer liegt ein geheimnisvoller Schleier über dieser Lebensphase des Meisters. Sicher aber dauert seine Passion für Pferde in und bei Paris weiter, aber man weiss auch hier nicht genau. Wo er diese ausübte. Der mittlerweile 65Jährige scheint sich nach Kriegsende in seinen Aktionen etwas zu verzetteln, konzipiert neu auch Flugzeuge und kleine Motoren, unterhält eine Jacht usw. Seine weitreichenden Pläne kosten Geld, er belehnt Ermenonville mit hohen Hypotheken. Dort ist er hin und wieder, testet etwa mit seinem jüngeren Sohn Roland einen speziellen Motor eigener Bauart. Sein Schloss wird zeitweise von deutschen Soldaten belegt, die die Parkettböden in den Kaminen verheizen. Aber wie ein Wunder überleben seine privaten Sachen den Krieg in
der Stallanlage von Ermenonville neben dem Schloss. Schliesslich stirbt Bugatti unerwartet im Jahre 1947 in einem amerikanischem Militärspital an den Folgen einer Erkältung, die er sich auf seiner Jacht zugezogen hat. – Die Coach hat er noch nicht selber anspannen, seine geplante Reise in seine Heimat noch nicht antreten können. Der fast fertige Wagen beginnt in Ermenonville während langer Jahre zu verstauben.

 

Verzettelte Erbschaften, verblassender Ruhm

 

Über das in Ermenonville verbliebene Erbe des grossen Meisters verfügen seine beidenTöchter aus erster Ehe, die allein gebliebene und etwa stillere L’Ebe und die forschere Lidia,einst eine gute Reiterin, die einen verarmten Grafen geheiratet hat. Letztere wohnt in der Nähe, in Chantilly und offenbar zuweilen auch im Schloss Ermenonville, das allerdingslangsam verwahrlost. Ihr verbliebener Bruder Roland versucht derweil die Molsheimer Fabrik weiter zu führen. Der etwas verwöhnt Aufgewachsene schafft es aber nicht an den altenRuhm anzuknüpfen. 1963 wird die Fabrik an Hispano-Suiza verkauft. Auch das Schloss Ermenonville muss mit seinen Nebenbauten geleert werden. Jetzt wollen die Töchter Geld sehen. Das Glanzstück der väterlichen Bestände in Ermenonville, der noch unverkaufte Royale, geht an die legendären Gebrüder Schlumpf in Mühlhausen, wo er heute noch als bestes Stück des „Musée national de l’Automobile“ steht. Die in Ermenonville verbliebenen Kutschen und Geschirre sind in den frühen 1960er Jahren aber schwerer als Oldtimer zu verkaufen, einzelne gehen unter der Hand weg. Dann erscheint als rettender Engel ein belgischer Baron auf der Bildfläche, der zu Hause in Nokere ein Schloss mit grossem Park besitzt und diesen gerne mit seinen Gespannen befährt.Baron Jean Casier hat die Domäne kurz nach dem Krieg mit seiner jungen Gattin erworben.Hier hält er eine Hundemeute für die Treibjagd zu Pferd („chasse à courre“), seine grosse Passion. Und er baut jetzt eine neue Sammlung von noblen Kutschen auf, nachdem deutscheOffiziere im Krieg den väterlichen Bestand an väterlichen Bestand an Wagen aus den Remisen des Familienschlossesin Waregem gestohlen haben.

 

 

 

 

 

 

Der sportliche Baron ist Sammler mit Leib und Seele und stets auf der Suche nach
Neuerwerbungen, wobei ihn deren Vorgeschichte nicht sonderlich interessiert. Er übernimmtalso den Grossteil des in Ermenonville eingelagerten Bugatti-Bestands samt Geschirren undverkauft einen Teil gleich weiter. An denen, die er behält, lässt er sein Wappen anbringen,auch an der Coach. Diese behält er, weil er sie fahren will. Dafür lässt er sie fertigstellen, leider mit grünem Kunstleder und nicht mit beigem Tuch, wie es Bugatti bevorzugte. Auch das zugehörige Geschirr, das er in Kisten verpackt in Ermenonville abgeholt hat, bleibt bei ihm. Der kleine Baron liebt es, sich auf dem hohen Wagen in Szene zu setzen, er, der nach einer Polioerkrankung und nach einem schweren Reitunfall kaum mehr ohne Hilfen gehen kann.

 

Die Odyssee geht weiter

 

Wie das Schicksal manchmal so spielt, genau in den späten 1960er Jahren erwacht das sportliche Kutschenfahren aus seinem Dornröschenschlaf. Im Rahmen dieses europaweiten Revivals, angeführt von Prinz Philipp als Chef der FEI, werden „letzte Mohikaner“ des Fahrsports wie Baron Casier jetzt als Protagonisten wahrgenommen. Der Ruhm seiner Sammlung reicht bis Amerika. Dort hat der reichste Amerikaner, John Kluge, ein Mann deutscher Abstammung, 1981 soeben eine schottisch-irakische Schönheit geheiratet. Sie bauen zusammen ein kitschiges Schloss mit den entsprechenden Nebenbauten nach englischen Vorbildern in Virginia auf und suchen jetzt die dazu passenden Pferdewagen und Accessoires. Das Ehepaar macht Baron Casier ein grosszügiges Angebot, dieser lässt sich erweichen. So geht fast der ganze Bugatti-Bestand geschlossen in die USA und wird auf „Albermarle House“ mit anderen Erwerbungen inszeniert ausgestellt. Jetzt wird die prominente Herkunft des Bugatti-Besitzes durchaus herausgestrichen, Bugatti ist auch in Amerika ein Begriff. Das Ehepaar Kluge lässt in Europa weiter nach seltenen Kutschen suchen; in ihrem Auftrag umgarnt ein Nachbar derselben, ein aus Belgien stammender
Adliger, den deutschen Sammler Heinz Scheidel mit einem Blankocheck für ein seltenes Chariot, bekommt es aber trotzdem nicht. Die attraktive Gattin Patricia bereist schliesslich selbst auf der Suche nach weiteren Erwerbungen mit einem englischen Fachmann weiter Europa. Beim Ehepaar Kluge kommt es schon 1990 zur Scheidung, ihr Märchenschloss wird später von einem anderen Deutschstämmigen namens Donald Trump erworben, die Bugatti- Coach kommt mit dem übrigen Museumsbestand 2000 zur Auktion. Sie wird mit anderen Pretiosen vom fahrbegeisterten Ehepaar Harvey und Mary Waller erworben. Auf der „Orleton Farm“ in den Berkshire von Massachusetts sind die Pretiosen seither ausgestellt und werden gepflegt.

 

 

 

 

 

 

Schluss
Ettore Bugattis Ruhm als Autobauer nimmt seit Jahrzehnten zu, die wenigen hundert
erhaltenen Autos aus seiner Zeit erreichen schwindelerregende Preise. Dabei geht die von ihm lange gepflegte Seite als „whip“ fast völlig vergessen. Erst vor 10 Jahren beginnt sich das zu ändern. Der international zusammengesetzte „Private Driving Club“ organisiert im Jahre 2011 ein erstes Meeting für erhaltene Bugatti-Kutschen und Bugatti-Automobile. Für Juni 2019 ist ein zweites in Chantilly geplant, wobei man gemeinsam Schloss Ermenonville besuchen wird. Zu diesem Ereignis wird die Reise-Coach samt dem Fünferzuggeschirr nach Europa zurückkommen. Das ist die Gelegenheit, diesen originellen Wagen mit seiner romantischen Entstehungsgeschichte zu würdigen, die an Saint-Exupérys berühmten Satz von
1942 erinnert: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann wecke bei den Menschen zuerst die Sehnsucht nachdem weiten Meer.“ („Si tu veux construire un bateau, fais naître dans le coeur de tes hommeset femmes le désir de la mer.“) Dieser Artikel ist eine Rekonstruktion der Geschichte rund um die Coupé-Coach Ettore Bugattis. Sie wird im 2019 neu erschienenen Buch „Horseman Bugatti“ im Einzelnen und zusammen mit den verfügbaren Quellen genauer analysiert und dokumentiert.

 

 

 

 

Das von Andres Furger mit Unterstützung von Lieven De Zitter verfasste, reich illustrierteBuch „HORSEMAN BUGATTI - Ettore Bugatti: Sein Leben mit Pferd und Wagen/Ettore Bugatti: His life with horses and carriages“ umfasst 180 Seiten. Die Texte sind integral deutsch und englisch abgefasst. Es kann für Euro 68.- bestellt werden über andresfurger@gmail.com (Tel. 0033 786 11 79 20).
Der genannte Anlass von Chantilly findet in Zusammenarbeit mit dem Grossevent "ChantillyArts & Elegance Richard Mille“ statt und zwar als Ergänzung zum Concours d’élégance derhistorischen Automobile. Die historischen Kutschen sind Sonntag ab

13 30 Uhr im Park vonChantilly zu sehen. Die Illustrationen dieses Artikels stammen aus dem genannten Buch, nämlich aus den Archiven von Paul Heili, Norbert Steinhauser und Andres Furger. Das erste Bild stammt aus Bibliothèque nationale de la France und das Copyright des Bildes auf Seite 8 liegt bei Urbain De Zitter – Collection Lieven De Zitter.